Wie ich die Geburt unseres ersten Kindes erlebte

Moin,

manche Erlebnisse sind so Lebensverändernd, Aufwühlend und Ereignisreich, dass man sie niemals in seinem Leben vergessen wird.

Bei mir ist das die Geburt meines ersten (und bisher einzigen) Kindes.

Während der Schwangerschaft war alles einigermassen OK. Meine Frau hatte zwar eine Schwangerschafts-Diabetes und zu viel Fruchtwasser, aber laut ihrer Frauenärztin wären das Massenphänomene bei Schwangerschaften und daher kein Problem.

Ich erinnere mich als wenn es gestern gewesen. Abends zuvor kam meine Frau von der Toilette und meinte dass der Schleimpropf raus wäre. Wer sich mit Schwangerschaft und Geburt ein wenig auseinandergesetzt hat weiss, dass der Abgang des Schleimpropfs ein Zeichen für die nahende Geburt darstellt.

Am nächsten Tag bin ich wie gewohnt zur Arbeit. Genauer gesagt hat meine Frau mich raus geworfen, und mir versprochen anzurufen wenn was sein sollte. Während der Frühstückspause kam dann auch mein Chef mit Telefon bei mir an: “Deine Frau”.

Sie hätte viel Flüssigkeit verloren und wollte bei ihrer Gyn anrufen ob wir lieber zu ihr oder entgegengesetzt zum geplanten Krankenhaus Fahren sollten. Und sie ruft dann zurück.

Mein Chef und die Arbeitskollegen wussten um meine Situation und so kamen auch schon die ersten Nachfragen obs jetzt los gehen würde, und die üblichen freundschaftlich-gemeinen Neckereien unter Männern, welche Frauen wohl nur selten verstehen werden.

Kurz nachdem die Pause vorbei war rief meine Frau auch wieder an und es stand fest: Ich muss jetzt zu meiner Frau und gemeinsam müssen wir zum Krankenhaus!

Also eine schnelle Übergabe an meinen Teamleiter gemacht, damit er meine Maschienen auch die nächsten Wochen über richtig einplant, und beim Chef vorbei, Bescheid geben. Dieser legte mir in einem Anfall väterlichen Wohlwollens eine Hand auf die Schulter und ermahnte mich trotz meiner Nervösität ruhig zu bleiben. Ich bin dann auch so ruhig geworden, dass ich für den Heimweg ganze 15 Minuten länger brauchte.

Zuhause erwartete mich meine Frau mit dem Hinweis, dass sie noch Duschen wollte und ich schonmal das Auto packen soll, aber nicht ohne sie losfahren!

Das Krankenhaus hatte meine Frau sich ausgesucht, weil sie dort eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester gemacht hat, und weil das sonst naheste Krankenhaus einen nicht angenehmen Ruf hatte. Die Fahrt zu diesem KKH verlief auch ohne nennenswerte Ereignisse.

Im KKH selber war der Weg zur Entbindungsstation sehr aufschlussreich. Fast jeder Arzt, Ärztin, Hebamme und Pflegefachkraft wurde kommentiert und bewertet. Auch in Hinblick auf unsere Situation: “Die Hebamme kenne ich, die ist scheisse, die will ich nicht. Wenn ich die bekomme, presse ich die Beine so lange zusammen, bis ich eine andere bekomme!”

Aber wir bekamen eine andere Hebamme.

Meine Frau durfte sich hinlegen und bekam einen Wehenschreiber angelegt. Darauf konnten wir sehr gut die Herzfrequenz unseres baldigen Glückes sehen. Es fing mit 155 an und wurde immer weniger bis es nach 70 gar nix mehr anzeigte. Ich hatte mich inzwischen hingesetzt und beschäftigte mich mit meinem Handy weil meine Frau Ruhe haben wollte. Bis sie mich rausschickte. Ich sollte jemanden holen weil irgendwas nicht passt.

Ich vertraue in solchen Situationen blind dem Gefühl meiner Frau und hatte auch sofort eine Ärztin erwischt, die Zeit hatte. Sie sah auf den Wehenschreiber, streckte den Kopf aus der Tür, und innerhalb von 10 Sekunden war der Raum voll mit Menschen. Ich sah die Ärztin, die einen Venenzugang legte, einen Arzt, der eine Flüssigkeit aus einer Ampulle in eine Spritze zog, Hebammen und Pflegekräfte, die um meine Frau wuselten und Ansagen und Befehle im typischen deutsch-englisch-latein-Krankenhausslang.

Eine Erklärung was da los war bekam weder ich, noch meine Frau. Aber man erkannte dass das Personal wusste was los war, und dass sie ihren Job beherrschen. Und wo ich da perplex an der Seite stand und versuchte niemandem im Weg zu stehen sah ich meine Frau und es schoss mir wie ein Blitz in die Gedanken: “Verdammt nochmal, das ist deine Frau die da liegt! Ihr gehts gerade deutlich schlimmer wie dir! Sieh zu dass du zumindest ihre Hand hälst und sie nicht alleine lässt!”

Nachdem der erste Trouble vorbei war wurden wir aufgeklärt: Das Kind liegt wohl richtig herum, aber es gibt Komplikationen die bisher noch unklar sind. Daher haben sich die Ärzte für eine eilige Sectio (Kaiserschnitt) entschieden. Also alles dafür vorbereiten. OP-Hemdchen, Anästhesiebogen, usw.

Als nicht betroffener und werdender Vater hatte ich das grosse Glück bei der OP dabei sein zu dürfen. Eine nicht alltägliche Begebenheit wie ich später erfahren konnte.

In dem OP Saal lag meine Frau dann auf dem OP Tisch, wie Jesus am Kreuz, mit beiden Armen seitlich ausgestreckt, und mit Nadeln in den Armen. Während der Prozedur konnte ich den Arzt hören wie er bis 3 zählte und einen Ausruf der Überraschung von sich gab. Die Hebamme hatte mich informiert dass ich unser kind kurz sehen kann bevor es zur Notfalluntersuchung muss. Und das hab ich auch. In den Armen der Hebamme lag unser Kind. Ohne sich zu bewegen. Ohne einen Ton von sich zu geben. Kalkweiss. Und voller Blut.

Die folgende Zeit war unerträglich. Ich weiss dass die moderne Schulmedizin einiges bewerkstelligen kann. Aber ich weiss auch dass manchmal jede Hilfe zu spät kommt. Mehrmals hab ich nachgefragt wie es unserem Kind geht. Mehrmals hab ich keine Antwort drauf bekommen. Und dabei hätte es mir schon gereicht zu wissen ob unser Kind Tot ist, lebt, oder um sein Leben kämpft. Aber die OP Besatzung wusste es selber nicht. Nur soweit konnte ich in diesem Moment nicht denken.

Irgendwann kam dann die Hebamme, ich dürfte unser Kind sehen. Wir gingen zusammen in den Nebenraum, und dort lag es. In einem Wärmebettchen. Mit Zugang am Kopf, Schläuchen in Mund und Nase und Atemmaske vorm Gesicht.

Die Kinderärztin hatte mir noch was erzählt von 2490 Gramm, 48cm Körpergrösse und wie der allgemeine Gesundheitszustand unseres Kindes aussieht, aber dafür hatte ich keine Konzentration für über.

Denn in mir sind alle Dämme gebrochen, und die Anspannung kam in einem Sturzflut von Gefühlen und Tränen aus mir heraus. Ich brauchte ca 20 Minuten um mich wieder einigermassen zu beruhigen. Meine Anspannung kann man am ehesten erkennen, wenn man bedenkt, was ich unter Tränen danach als erstes zu meiner Frau sagte: “Er lebt!”

Doch was ist geschehen? Unser Sohn hat sich vor der Geburt die nabelschnur 3x um den Hals gewickelt, und wollte so dringend die Welt erkunden, dass er die Plazenta zum Teil abgerissen hat.

Diese Kraft hat er sich behalten. Aber auch diese Ungeduld. Aber Kinder sollen ja auch etwas von beiden Eltern erben.

 

Was sind eure Erlebnisse bei der Geburt eurer Kinder?

A Osewold
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Über A Osewold

82er Jahrgang / über 2 Meter gross / 1 Jungen (das 2te ist unterwegs) / Partei der Humanisten